VGH 2022/020
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23.09.2022
VGH
Urteil
Sprüche: abgewiesen
VGH 2022/020
Der Verwaltungsgerichtshof des Fürstentums Liechtenstein, Vaduz, hat durch die
Richterlic.iur. Andreas Batliner, Präsident
lic.iur. Marion Seeger
lic.iur. Adrian Rufener
Dr.iur. Esther Schneider
lic.iur. Daniel Tschikof
in der Beschwerdesache der
Beschwerdeführerin:
A


vertreten durch:

***
Beschwerdegegner:
B


vertreten durch:

***
wegenBaubewilligung
gegenEntscheidung der Beschwerdekommission für Verwaltungsangelegenheiten vom 23. Februar 2022, VBK 2021/95, ON 10
in der nicht-öffentlichen Sitzung vom 23. September 2022
entschieden:
1.Die Beschwerde vom 30. März 2022 gegen die Entscheidung der Beschwerdekommission für Verwaltungsangelegenheiten vom 23. Februar 2022, VBK 2021/95, ON 10, wird abgewiesen und die angefochtene Entscheidung mit der Massgabe bestätigt, dass ihr Spruchpunkt 1. wie folgt lautet: Die Beschwerde vom 11.10.2021 gegen die Baubewilligung des Amtes für Bau und Infrastruktur vom 20.09.2021 zu AZ Nr. 341.2021.0267 wird zurückgewiesen.
2.Die Kosten des Beschwerdeverfahrens vor dem Verwaltungsgerichtshof trägt die Beschwerdeführerin.
3.Die Beschwerdeführerin ist schuldig, dem Beschwerdegegner Parteikosten in Höhe von CHF 2'303.70 binnen 14 Tagen bei sonstiger Exekution zu bezahlen.
TATBESTAND
1.
Mit ausgefülltem Gesuchsformular vom 07. Mai 2021 reichte der Beschwerdegegner ein Baugesuch für die Errichtung eines Anbaus an das bestehende Bürohaus "***" auf dem Grundstück Nr. *** beim damaligen Amt für Bau und Infrastruktur (ABI) ein.
Der geplante Anbau ist eingeschossig und weist eine Gebäudehöhe von 4 Metern, eine Gebäudelänge von 14.66 Metern und eine Gebäudebreite von 10.02 Metern auf. Gemäss den eingereichten Plänen wird der Anbau aus einem Zugangsbereich (37 m2) und zwei Besprechungszimmern (43 m2 und 51 m2) bestehen. 
Über Aufforderung des ABI reichte der Beschwerdegegner am 15. Juni 2021 den Parkierungsnachweis nach.
2.
Am 16. Juni 2021 wurden die Nachbarn, darunter auch die Beschwerdeführerin, über das Bauvorhaben schriftlich verständigt.
3.
Mit Schreiben vom 18. Juni 2021 ersuchte die rechtsfreundlich vertretene Beschwerdeführerin um Akteneinsicht in die Baugesuchspläne.
Am 25. Juni 2021 nahm der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin beim ABI erstmals Akteneinsicht.
4.
Mit Schreiben vom 30. Juni 2021 wandte sich der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin an das ABI und teilte zum einen mit, dass das Baugesuch des Beschwerdegegners vom 07. Mai 2021 unvollständig sei, weshalb es der Beschwerdeführerin verunmöglicht sei, das Vorliegen von Einsprachegründen zu prüfen. Die Beschwerdeführerin beantragte, die Einsprachefrist um 14 Tage ab Vorliegen der vollständigen Unterlagen zu verlängern. Zum anderen teilte die Beschwerdeführerin dem ABI mit, der Beschwerdegegner habe bereits im Februar oder März 2021 mit den Aushubarbeiten begonnen.
5.
Mit E-Mail vom 02. Juli 2021 teilte das ABI dem Beschwerdevertreter mit, dass dem Fristerstreckungsantrag nicht gefolgt werden könne.
Mit E-Mail vom 05. Juli 2021 teilte das ABI dem Beschwerdevertreter insbesondere mit, es werde prüfen, ob mit den Aushubarbeiten bereits begonnen worden sei.
6.
Mit Schreiben vom 08. Juli 2021 beantragte der Beschwerdevertreter die Ausfertigung einer rechtsmittelfähigen Entscheidung über den Fristverlängerungsantrag vom 30. Juni 2021.
Mit E-Mail vom 12. Juli 2021 teilte das ABI dem Beschwerdevertreter mit, eine erneute Verständigung zu prüfen.
7.
Am 15. Juli 2021 reichte der Beschwerdegegner das ergänzte Baugesuch für den Anbau an das Bürohaus "***" inklusive Planunterlagen beim ABI ein.
8.
Mit Schreiben vom 16. Juli 2021 wurde die Beschwerdeführerin neuerlich über das Bauvorhaben verständigt und ihr neuerlich die gesetzliche Einsprachefrist gewährt. Diese Verständigung wurde der Beschwerdeführerin am 19. Juli 2021 zugestellt.
9.
Am 30. Juli 2021 nahm der Beschwerdevertreter zum zweiten Mal Akteneinsicht beim ABI.
10.
Mit Schreiben vom 02. August 2021 an das ABI führte der Beschwerdevertreter aus, die Korrespondenz zwischen ihm und dem ABI (gemeint: das Schreiben vom 30. Juni 2021) sei nicht im Akt. Daher werde um Bestätigung ersucht, dass am 30. Juli 2021 der vollständige Bauakt einsehbar gewesen sei. Zudem wurde wiederholt, dass der Beschwerdegegner den Aushub bereits im Februar oder März 2021 vornehmen lassen habe.
11.
Mit Schreiben vom 16. August 2021 teilte das ABI dem Beschwerdevertreter mit, dass der Umstand, dass das Schreiben vom 30. Juni 2021 am 30. Juli 2021 nicht im Akt gewesen sei, ein Versäumnis des Amtes sei, das nicht wieder vorkommen solle. Das ABI sei der Auffassung, vollständige Akteneinsicht gewährt zu haben.
Zum wiederholten Vorbringen des Beschwerdevertreters, dass der Beschwerdegegner bereits mit den Aushubarbeiten begonnen habe, führte das ABI aus, dass die Aushubarbeiten im Zusammenhang mit alten Sanitärleitungen und einer alten Senkgrube erfolgt seien. Die Gemeinde, die primär für das Abwasser zuständig sei, sei informiert und involviert gewesen. Mit den eigentlichen Bauarbeiten sei nicht begonnen worden.
12.
Mit E-Mail vom 17. August 2021 teilte das ABI dem Beschwerdevertreter mit, das Koordinationsverfahren sei abgeschlossen und das ABI werde das Baugesuch bewilligen.
Mit E-Mail vom 17. August 2021 führte der Beschwerdevertreter aus, das Verständigungsverfahren sei aufgrund der unvollständigen
Akteneinsicht am 30. Juli 2021 nicht abgeschlossen.
Mit E-Mail vom 18. August 2021 bestätigte das ABI nochmals, dass der Beschwerdevertreter den vollständigen Akt eingesehen habe.
13.
Mit Schreiben vom 25. August 2021 brachte der Beschwerdevertreter abermals vor, dass am 30. Juli 2021 keine vollständige Akteneinsicht gewährt worden sei. Mangels vollständiger Akteneinsicht könne kein ordnungsgemässes Verständigungsverfahren durchgeführt werden. Zudem sei augenscheinlich mit den Aushubarbeiten für den Anbau begonnen worden.
Der Beschwerdevertreter beantragte neuerlich Akteneinsicht.
14.
Am 30. August 2021 nahm der Beschwerdevertreter zum dritten Mal beim ABI Akteneinsicht.
15.
Mit Schreiben vom 06. September 2021 brachte der Beschwerdevertreter abermals vor, dass ohne Gewährung der vollständigen Akteneinsicht kein ordnungsgemässer Abschluss des Verständigungsverfahrens möglich sei.
16.
Mit Verfügung vom 20. September 2021 des ABI wurde das Baugesuch des Beschwerdegegners unter Bedingungen und Auflagen bewilligt.
17.
Mit Schriftsatz vom 11. Oktober 2021 erhob die Beschwerdeführerin Beschwerde gegen die Verfügung des ABI vom 20. September 2021 an die Beschwerdekommission für Verwaltungsangelegenheiten (VBK).
Die Beschwerdeführerin rügte eine Gehörsverletzung, weil ihr kein vollständiger Bauakt vorgelegt worden sei (Ziff. 3.1 der Beschwerde an die VBK). Ohne vollständige Akteneinsicht könne ein Nachbar nicht beurteilen, ob er Einsprache gegen das Baugesuch erheben müsse oder nicht (Ziff. 3.2 der Beschwerde an die VBK).
18.
Mit Entscheidung vom 23. Februar 2022, VBK 2021/95, ON 10, entschied die VBK wie folgt:
1.
Der Beschwerde vom 11.10.2021 gegen die Baubewilligung des Amtes für Bau und Infrastruktur vom 20.09.2021 zu AZ Nr. 341.2021.0267 wird keine Folge gegeben und die angefochtene Baubewilligung bestätigt.
2.
Die Kosten des Beschwerdeverfahrens fallen der Beschwerdeführerin zur Last.
3.
Die Beschwerdeführerin ist schuldig, dem Beschwerdegegner die Parteikosten in Höhe von CHF 959.60 binnen 4 Wochen bei sonstiger Exekution zu ersetzen.
19.
Mit Schriftsatz vom 30. März 2022 erhob die Beschwerdeführerin gegen die Entscheidung der VBK vom 23. Februar 2022 Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof (ON 1).
Die Beschwerdeführerin beantragte, der Verwaltungsgerichtshof möge die bekämpfte Entscheidung dahingehend abändern, dass die Baubewilligung vom 20. September 2021 ersatzlos aufgehoben werde, eventualiter der Antrag des Beschwerdegegners auf Erteilung einer Baubewilligung abgewiesen werde. In eventu wolle der Verwaltungsgerichtshof eine Zurückverweisungsentscheidung fällen. In jedem Fall wolle der Verwaltungsgerichtshof den Beschwerdegegner verpflichten, der Beschwerdeführerin die Parteikosten zu ersetzen.
20.
Mit Schriftsatz vom 14. April 2022 (ON 11) erstattete der Beschwerdegegner eine Äusserung zur Beschwerde vom 30. März 2022. Der Beschwerdegegner beantragte, der Verwaltungsgerichtshof möge der Beschwerde vom 30. März 2022 keine Folge geben und die Beschwerdeführerin dazu verpflichten, dem Beschwerdegegner seine Parteikosten zu ersetzen.
21.
Mit Schriftsatz vom 14. April 2022 (ON 13) teilte die Beschwerdeführerin dem Verwaltungsgerichtshof mit, der Beschwerdegegner habe einen Bauaushub vornehmen lassen. Seit wenigen Tagen lasse der Beschwerdegegner darauf eine Trockensteinmauer errichten. Die Beschwerdeführerin sei hierüber nicht verständigt worden. Damit sei belegt, dass der Beschwerdeführerin kein vollständiger Akt vorgelegt worden sei.
Zu diesem Vorbringen äusserte sich der Beschwerdegegner mit Schriftsatz vom 21. April 2022 (ON 15).
22.
Mit Schreiben vom 21. April 2022 (ON 16) stellte die Beschwerdeführerin beim Verwaltungsgerichtshof einen Antrag auf Akteneinsicht.
23.
Mit Schriftsatz vom 22. April 2022 (ON 17) brachte die Beschwerdeführerin abermals vor, ihr sei verunmöglicht worden, fristgemäss eine Einsprache zu erheben, weil ihr nur ein unvollständiger Akt vorgelegt worden sei. Zudem sei mit den Aushubarbeiten für den Anbau an das Bürogebäude bereits begonnen worden.
24.
Mit Schriftsatz vom 04. Mai 2022 (ON 22) brachte die Beschwerdeführerin unter anderem vor, der Akt des ABI sei auch deshalb unvollständig, weil sich darin keine Unterlagen zur Trockensteinmauer und dem Bauaushub befänden.
25.
Die Beschwerdevertreterin hat am 13. Juni 2022 und am 25. August 2022 beim Verwaltungsgerichtshof Akteneinsicht genommen.
Der Beschwerdegegner hat sich im weiteren Verlauf des Beschwerdeverfahrens vor dem Verwaltungsgerichtshof nicht mehr zu den zahlreich eingebrachten Schriftsätzen der Beschwerdeführerin geäussert.
26.
Der Verwaltungsgerichtshof zog die Vorakten der VBK und des ABI bei, erörterte in seiner nicht-öffentlichen Sitzung vom 23. September 2022 die Sach- und Rechtslage und entschied wie aus dem Spruch ersichtlich.
ENTSCHEIDUNGSGRÜNDE
1.
Gemäss Art. 77 Abs. 2 BauG können Nachbarn ihre Einsprache schriftlich und begründet bei der Baubehörde erheben, soweit:
a.
mit rechtswidrigen Auswirkungen auf ihr Grundstück bezüglich der Erschliessung oder mit Naturgefahren zu rechnen ist;
b.
die gesetzlich geforderten Mindestabstände nicht eingehalten sind;
c.
übermässige und das ortsübliche Ausmass überschreitende Immissionen zu erwarten sind.
Die in Art. 92 Abs. 1 LVG definierte Beschwerdeberechtigung erfährt mit diesem Art. 77 Abs. 2 BauG eine massive gesetzliche Einschränkung. Nachbarn können gegen ein Baugesuch eine Einsprache ausschliesslich aus den in Art. 77 Abs. 2 BauG taxativ aufgezählten Gründe erheben (VGH 2011/103 in LES 2011, 159; VGH 2012/164 in LES 2014, 103; StGH 2013/86; zuletzt VGH 2020/012 in LES 2020, 211). Diese gesetzliche Beschränkung der Einsprachegründe gilt selbstredend nicht nur für das Einspracheverfahren, sondern auch für die anschliessenden Beschwerdeverfahren (StGH 2013/86 E. 3.3).
Da der Parteienbegriff nach Art. 31 Abs. 1 LVG und die Beschwerdeberechtigung nach Art. 92 Abs. 1 LVG harmonisch auszulegen sind (VGH 2011/131), wird durch Art. 77 Abs. 2 BauG auch der Parteienbegriff eingeschränkt. Parteien im erstinstanzlichen Baubewilligungsverfahren vor dem ABI sind neben dem Bauherrn die Nachbarn, welche eine Einsprache gegen das Baugesuch fristgerecht erheben.
Gemäss Art. 77 Abs. 1 BauG benachrichtigt die Baubehörde die Nachbarn schriftlich und macht sie auf ihr Einspracherecht aufmerksam. Der verständigte Nachbar ist gehalten, allenfalls Einsicht in den Bauakt zu nehmen und anhand dieser Einsichtnahme zu entscheiden, ob er Einsprache erheben will oder nicht. Es liegt am Nachbarn, sich im Rahmen einer Akteneinsichtnahme ein Bild über das geplante Bauprojekt und dessen Baumasse zu verschaffen (VGH 2017/101; VGH 2019/105).
Im Wege der Einsichtnahme in die relevanten Baugesuchs- und Planunterlagen ist es dem Nachbarn möglich, zu beurteilen, ob einer der taxativ aufgezählten Einsprachegründe vorgebracht werden kann. Aufgrund der Planunterlagen ist es dem Nachbarn grundsätzlich möglich, das Bauvorhaben und die daraus resultierenden Auswirkungen auf das Nachbargrundstück einzuschätzen und zu beurteilen, ob eine Einsprache zu erheben ist. Aus diesem Grund enthalten die Verständigungsschreiben des ABI auch den folgenden Hinweis: Die Baugesuchspläne liegen während der Einsprachefrist zur Einsichtnahme (...) auf.
Ist ein Nachbar der Ansicht, durch die Akteneinsichtnahme nicht in die Lage versetzt worden zu sein, das Vorliegen der Einsprachegründe nach Art. 77 Abs. 2 BauG zu prüfen, weil ihm nur unvollständige Akteneinsicht gewährt worden sei, hat er diesen Verfahrensmangel in einer fristgerecht gegen das Baugesuch erhobenen Einsprache geltend zu machen. Hierauf wurde die Beschwerdeführerin in der Verständigung vom 16. Juli 2021 auch ausdrücklich hingewiesen: Anzumerken ist, dass es für die Beurteilung des Gesuchs aus der Sicht der Baubehörde keine weiteren Unterlagen braucht. Falls die Nachbarschaft diese Auffassung nicht teilt, steht ihr innerhalb der gesetzlichen Frist jedenfalls das Recht der Einsprache gem. Art. 77 Baugesetz zu. 
Die Einsprache ist kein Rechtsmittel, denn sie richtet sich gegen ein Baugesuch und nicht gegen eine Verfügung (VGH 2006/054, Erw. 9; Peter Hänni, Planungs-, Bau- und besonderes Umweltrecht, 7. Auflage, Bern 2022, S. 582). Die Einsprache erfolgt im Rahmen des erstinstanzlichen Baubewilligungsverfahrens, weshalb allfällige Verfahrensmängel mit der Einsprache vorzubringen sind, damit sie noch im Rahmen des erstinstanzlichen Verfahrens behoben werden können. 
2.
Die Beschwerdeführerin bringt im gesamten Verfahren und auch in ihrer Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof vor (Ziff. 1 der Beschwerde), nicht in der Lage gewesen zu sein, zu beurteilen, ob und in welchem Umfang eine Einsprache gegen das Bauvorhaben "Erweiterung Bürogebäude" zu erheben sei, weil sie keine ordnungsgemässe Akteneinsicht erhalten habe und somit in ihrem Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt sei.
Die Beschwerdeführerin nahm im Rahmen des erstinstanzlichen Bauverfahrens vor dem ABI dreimal Akteneinsicht, konkret am 25. Juni 2021, am 30. Juli 2021 und am 30. August 2021. Somit ist zunächst zu prüfen, welche Akteneinsicht für die Ausübung des Einspracherechts der Beschwerdeführerin entscheidend ist.
3.
Die Beschwerdeführerin wurde zwar am 16. Juni 2021 über das Bauvorhaben verständigt, worauf die Beschwerdevertretung am 25. Juni 2021 Akteneinsicht nahm. Diese Akteneinsicht vom 25. Juni 2021 ist verfahrensgegenständlich irrelevant, weil die Beschwerdeführerin am 16. Juli 2021 nochmals über das Bauvorhaben verständigt wurde und ihr eine neue Einsprachefrist gewährt wurde. Diese Verständigung wurde der Beschwerdeführerin gemäss dem im Akt des ABI befindlichen Zustellnachweises am 19. Juli 2021 zugestellt, weshalb die Einsprachefrist am 02. August 2021 ablief. Die Beschwerdeführerin nahm innert offener Einsprachefrist am 30. Juli 2021 Akteneinsicht, weshalb sich diese für die Beurteilung des Vorliegens allfälliger Einsprachegründe als massgeblich erweist. Die nach Ablauf der Einsprachefrist vorgenommene Akteneinsicht vom 30. August 2021 erweist sich in dieser Hinsicht als irrelevant, wie die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof (Ziff. 3.3 und 4.2 der Beschwerde) richtig ausführt.
Soweit sich das Vorbringen in der Beschwerde somit auf die Akteneinsicht vom 25. Juni 2021 bezieht (Ziff. 3.1 und Rz. 18 der Beschwerde), ist hierauf nicht näher einzugehen und hatte sich auch die VBK nicht näher mit dieser Akteneinsicht zu befassen. Nur der Vollständigkeit halber ist zu erwähnen, dass das Vorbringen der Beschwerdeführerin, der Akteneinsicht vom 25. Juni 2021 sei ein Akteneinsichtsgesuch zugrunde gelegen, mit dem ausdrücklich die Einsicht in den vollständigen Bauakt beantragt worden sei, aktenwidrig ist. Der Antrag auf Akteneinsicht vom 18. Juni 2021 lautet wörtlich wie folgt: Bezugnehmend auf Ihre Verständigung vom 16.06.2021 ersuche ich höflich und beantrage Akteneinsicht in die Baugesuchspläne; da die Einsprachefrist bereits läuft, wäre ich um eine rasche Terminvereinbarung dankbar.
4.
Es ist unstrittig, dass die Beschwerdeführerin am 30. Juli 2021 Einsicht in das Baugesuch und die Planunterlagen nehmen konnte und dass diese Unterlagen vollständig waren. Gegenteiliges bringt die Beschwerdeführerin nicht vor.
Die Beschwerdeführerin bringt jedoch vor (Ziff. 4.1 der Beschwerde), anlässlich der Akteneinsicht vom 30. Juli 2021 sei der Akt insofern nicht vollständig gewesen, als das Schreiben der Beschwerdeführerin vom 30. Juni 2021, Unterlagen zu den Abklärungen des ABI wegen den Aushubarbeiten, Unterlagen zur Profilierung des geplanten Anbaus und Unterlagen zur durch den Beschwerdegegner erstellten "Schotterpiste" nicht im Akt gewesen seien. Die Beschwerdeführerin sei somit in ihrem Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt worden.
Hierzu erwägt der Verwaltungsgerichtshof wie folgt:
Die Beschwerdeführerin hat gegen das Baugesuch des Beschwerdegegners unstrittig keine Einsprache erhoben. Die Beschwerdeführerin erhob jedoch gegen die erteilte Baubewilligung vom 20. September 2021 Beschwerde an die VBK und in weiterer Folge an den Verwaltungsgerichtshof und machte eine Gehörsverletzung geltend. Dieses Vorgehen ist nicht zulässig.
Sofern sich ein Nachbar im Verständigungs- und Einspracheverfahren in seinem Anspruch auf Akteneinsicht und somit in seinem Gehörsanspruch als verletzt erachtet, hat er dies in der fristgerecht erhobenen Einsprache gegen das Baugesuch geltend zu machen, worauf die Beschwerdeführerin in der Verständigung vom 16. Juli 2021 hingewiesen wurde. Unterlässt er dies, nimmt er am erstinstanzlichen Baubewilligungsverfahren vor dem ABI nicht teil, kommt ihm in diesem Verfahren keine Parteistellung zu, ist ihm die Verfügung des ABI über das Baugesuch nicht zuzustellen und steht ihm in weiterer Folge auch das Beschwerderecht an die VBK und an den Verwaltungsgerichtshof nicht offen. Die Einsprache öffnet das Tor zum späteren Rechtsmittelverfahren. Die Beschwerdebefugnis verliert, wer sich am Einspracheverfahren nicht beteiligt hat, obwohl er es hätte einrichten können. Aus solcher Abwesenheit lässt sich schliessen, dass schutzwürdige Interessen fehlen (VGH 2006/054, Erw. 9; Hänni, a.a.O., S. 583).
Für den vorliegenden Fall bedeutet dies folgendes: Die Beschwerdeführerin hat gegen das Baugesuch keine Einsprache erhoben. Es ist kein Grund ersichtlich und bringt die Beschwerdeführerin auch keinen Grund vor, warum es ihr, trotz eines expliziten Hinweises in der Verständigung, nicht möglich war, mit einer fristgerechten Einsprache die von ihr behauptete Verletzung des rechtlichen Gehörs geltend zu machen. Somit kam ihr im erstinstanzlichen Baubewilligungsverfahren keine Parteistellung zu und hat das ABI die Baubewilligung vom 20. September 2021 fälschlicherweise der Beschwerdeführerin mit Zustellverfügung zugestellt. Die Beschwerdeführerin war nicht legitimiert, gegen die erteilte Baubewilligung eine Beschwerde an die VBK zu erheben.
Da das ABI der Beschwerdeführerin die Baubewilligung vom 20. September 2021 jedoch fälschlicherweise zugestellt hat, hatte sich die VBK zumindest formell mit der dagegen erhobenen Beschwerde der Beschwerdeführerin zu befassen. Die VBK hatte diese Beschwerde mangels Beschwerdelegitimation der Beschwerdeführerin zurückzuweisen, weshalb die angefochtene Entscheidung der VBK vom 23. Februar 2022 entsprechend zu korrigieren war. Die Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof war spruchgemäss abzuweisen.
5.
Die Kostenentscheidung stützt sich auf Art. 41 Abs. 1 i.Vm. Art. 36 Abs. 1 LVG. Da die Beschwerdeführerin mit ihrer Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof nicht durchgedrungen ist, hat sie die Verfahrenskosten zu tragen. Die Gerichtsgebühren in Höhe von CHF 630.00 hat die Beschwerdeführerin am 06. April 2022 beglichen.
Aufgrund ihres Unterliegens hat die Beschwerdeführerin auch ihre eigenen Parteikosten zu tragen sowie dem Beschwerdegegner seine Parteikosten zu ersetzen. Der Beschwerdegegner verzeichnete unter Zugrundelegung eines Streitwertes von CHF 10'000.00 für die folgenden Schriftsätze Parteikosten:
a.
Gegenäusserung vom 14. April 2022 zur Beschwerde vom 30. März 2022 (ON 11): CHF 1'151.85
b.
Gegenäusserung vom 21. April 2022 zum Schriftsatz vom 14. April 2022 (ON 15): CHF 1'151.85
Bei der Gegenäusserung vom 14. April 2022 (ON 11) handelt es sich um eine aufgetragene Äusserung (Schreiben des Verwaltungsgerichtshofes vom 31. März 2022, ON 4), weshalb diese nach TP 3C zu vergüten ist. Nach TP 3C plus ES von 50% inklusive MwSt. von 7.7% betragen die Parteikosten, wie vom Beschwerdegegner verzeichnet, CHF 1'151.85.
Mit der Gegenäusserung vom 21. April 2022 (ON 15) reagiert der Beschwerdegegner auf ein Neuvorbringen der Beschwerdeführerin (ON 13), weshalb sie ebenfalls nach TP 3C zu vergüten ist. Nach TP 3C plus ES von 50% inklusive MwSt. von 7.7% betragen die Parteikosten CHF 1'151.85.
Die Beschwerdeführerin hat dem Beschwerdegegner somit Parteikosten in Höhe von gesamt CHF 2'303.70 zu ersetzen.